Schnellzugriff

Arbeitszeit: Tarifverträge bieten Unternehmen bereits sehr hohe Flexibilität

Arbeitszeit: Tarifverträge bieten Unternehmen bereits sehr hohe Flexibilität

Der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten ist weit  verbreitet - allerdings verstehen Arbeitgeber darunter in der Regel etwas anderes als Beschäftigte: Viele Unternehmen würden ihr Personal bei Bedarf gern länger arbeiten lassen, ohne auf Vorgaben wie den Achtstundentag oder Mindestruhezeiten Rücksicht nehmen zu müssen. Aus Arbeitnehmersicht wäre es dagegen wünschenswert, die Arbeitszeit besser an die eigenen Bedürfnisse anpassen zu können.

Tarifverträge stellen einen Versuch dar, diese unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen. Das WSI hat die aktuellen Regelungen in 23 ausgewählten Tarifgebieten ausgewertet, die einen Querschnitt der deutschen Tariflandschaft darstellen. Der Analyse zufolge können sich die Betriebe über mangelnde Spielräume nicht beklagen. Bei den Arbeitnehmerrechten gibt es zwar Fortschritte, in vielen Branchen besteht aber noch eine Menge Gestaltungsbedarf. "Die Auswertung zeigt, dass pauschale Forderungen nach noch mehr Flexibilisierung und einer Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes nicht nur unnötig sind. Sie würden die Probleme von Beschäftigten, die Arbeit und Familienleben unter einen Hut bringen müssen, weiter verschärfen", sagt Dr. Reinhard Bispinck., Leiter des WSI Tarifarchivs. "Gesetzliche Regelungen haben eine Ankerfunktion, die auch die Tarifpolitik beeinflusst."

Als Standard ist in den meisten Tarifverträgen eine Wochenarbeitszeit festgelegt, die im Westen im Schnitt 37,5 Stunden beträgt. Dabei reicht das Spektrum von 34 Stunden bei der Deutschen Telekom bis hin zu 40 Stunden im Bauhauptgewerbe. In den neuen Bundesländern sehen die Tarifverträge durchschnittlich 38,7 Stunden vor.

Abweichungen von der Wochenarbeitszeit sind oft auch dauerhaft möglich. In einer Reihe von Branchen darf die reguläre Arbeitszeit im Rahmen bestimmter Korridore variieren - in der Chemieindustrie beispielsweise zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche. In verschiedenen Branchen sind darüber hinaus zeitlich begrenzt Arbeitstage von bis zu 10 Stunden und Wochenarbeitszeiten von 50 Stunden möglich. Befristete Verkürzungen sind häufig als beschäftigungssichernde Maßnahme vorgesehen. Ansonsten lassen die meisten Tarifverträge eine gewisse "Grundflexibilität" durch temporäre Schwankungen zu, wobei die Ausgleichszeiträume bis zu zwölf Monate betragen.

Ähnliches gilt für Überstunden: Hier gibt es in der Druckindustrie und dem bayerischen Hotel- und Gaststättengewerbe überhaupt keine tarifliche Einschränkung, ansonsten "mehr oder weniger weit gefasste Grenzen". Ein obligatorischer Freizeitausgleich ist in lediglich zwei Branchen vorgeschrieben - und auch dort nur, soweit die betrieblichen Belange dies zulassen. Auch Wochenendarbeit ist der Auswertung zufolge nur in wenigen Bereichen tariflich wirksam eingegrenzt.

Weit verbreitet seien mittlerweile Arbeitszeitkonten. Langzeitkonten, die längere Auszeiten beispielsweise für Weiterbildung, Pflege oder eine Freistellung vor der Rente ermöglichen sollen, gibt es in sechs der 23 untersuchten Tarifgebiete.

Reinhard Bispinck, WSI-Tarifarchiv: Arbeitszeit - Was bietet der tarifvertragliche Instrumentenkoffer? Eine Analyse von 23 Branchen und Tarifbereichen, Elemente qualitativer Tarifpolitik Nr. 82, November 2016: Download: http://www.boeckler.de/pdf/p_ta_elemente_82_2016.pdf

 

 

 

 

 

Zurück