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Die Arbeitswelt in Deutschland aus Sicht von Migrantinnen/Migranten - Beispiele aus der Beratungsarbeit

Die Arbeitswelt in Deutschland aus Sicht von Migrantinnen/Migranten - Beispiele aus der Beratungsarbeit

Dr. Alexandru Zidaru (2. v.r.) im Interview mit Andronic G. (2. v.l.) und Ortwin Auner (1. v.r.) Bild: Arbeit und L
Dr. Alexandru Zidaru (2. v.r.) im Interview mit Andronic G. (2. v.l.) und Ortwin Auner (1. v.r.) Bild: Arbeit und Leben NRW

Bei der Veranstaltung „Zwischenbilanz – drei Jahre volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Beschäftigte aus Rumänien und Bulgarien“ stellten die Beraterinnen und Berater in Kurzinterviews konkrete Einzelschicksale aus der Beratungsarbeit vor. Die Fälle sind beispielhaft für die Praktiken vieler Unternehmen im Umgang mit Beschäftigten aus Osteuropa. Mit Unterstützung der Beratungsstelle und der zuständigen Einzelgewerkschaft konnte den Beschäftigten geholfen werden, erfolgreich ihre Rechte geltend zu machen. Wir dokumentieren an dieser Stelle die drei Fälle:

Andronic G. (Rumänien):

Andronic G. kam 2016 aus Rumänien nach Deutschland. Er hatte in Folge der Wirtschaftskrise in Rumänien sein kleines Geschäft schließen müssen und suchte im Internet eine neue Arbeitsstelle. Eine Bekannte machte ihn auf eine Werbung für Arbeitsstellen in Deutschland aufmerksam. So kam er in Kontakt mit einem Unternehmen aus Deutschland und erhielt das Angebot, als Lagerarbeiter zu arbeiten. Tatsächlich arbeitete er als Kommissionierer für ein Subunternehmen im Kühlhaus einer großen Handelskette bei minus 33 Grad teilweise bis zu 21 Stunden am Tag. Von 260 Stunden im Monat wurden nur 190 bezahlt, er wohnte mit fünf Personen in einem Zimmer, die Miete betrug 250 € pro Person. Dank seiner Zielstrebigkeit und mit Hilfe der Beratungsstelle für Beschäftigte aus Mittel und Osteuropa und der Gewerkschaft NGG konnte er vor Gericht einige seiner Arbeitnehmerrechte durchsetzen. Andere Beratungseinrichtungen für Migranten aus Südosteuropa unterstützten ihn auch, so dass er eine neue Wohnung und eine neue Arbeitsstelle finden konnte. Viele seiner Kollegen sind resigniert und verschuldet wieder zurück nach Rumänien gegangen.

Ortwin Auner, Sekretär beim ver.di Bezirk Dortmund Fachbereich Handel sieh in diesem Beispiel keinen Einzelfall. Das Hauptproblem, so Auner, liegt darin, dass die Menschen sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zum Arbeitgeber befinden und Sprache und Gesetze nicht kennen. Sie sind ohne echte Alternative.

Ciprian P. (Rumänien):

Ciprian P. ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur und kam 2013 nach Deutschland. Er arbeitete in der Baubranche und hat verschiedene Ausbeutungsvarianten bei deutschen Firmen kennengelernt. Bei seiner ersten Stelle sollte er ein Gewerbe anmelden und arbeitete ein Jahr  als Scheinselbstständiger auf dem Bau. Da er sich selber versichern musste, betrug sein Reallohn zwischen 2,70 und 5 €/Stunde. Bei der nächsten Stelle arbeitete er zunächst ohne Vertrag zwei Monate schwarz und war gezwungen, auch an den Wochenenden 10-12 Stunden zu arbeiten. Bei der nächsten Firma erhielt er einen regulären Arbeitsvertrag, dafür wurden seine Überstunden nicht bezahlt. Weil die Firma inzwischen Insolvenz angemeldet hat, hat er das Geld für die Überstunden nicht erhalten. In einem weiteren Fall erhielt er keine Lohnabrechnungen und musste feststellen, dass das Unternehmen keine Krankenversicherungsbeiträge für ihn gezahlt hatte. Er ist vor Gericht gegangen, hat den Prozess gewonnen, sein ausstehendes Geld aber nicht erhalten, weil die Firma mangels Vermögens zahlungsunfähig ist. Aktuell hat er nach eigenen Aussagen eine gute Arbeit, mit der er zufrieden ist.

Für Holger Vermeer, Regionalleiter Rheinland der IG BAU, sind dies bekannte Praktiken in der Baubranche. Es gibt Subunternehmerketten, bei denen dann, wenn der Bau weit fortgeschritten ist, auf einmal nicht mehr gezahlt wird. Die Folge: ganze Gruppen von Beschäftigten erhalten zwei bis drei Monate kein Geld. Gegen diese Praktiken hilft seiner Meinung nach nicht der Gang vor Gericht sondern nur massiver öffentlicher Druck auf den Generalunternehmer, das Geld zur Verfügung zu stellen.

Veselin G. (Bulgarien):

Veselin G. kam 2015 nach Deutschland. Er hat zwei Kinder, denen er das Studium finanzieren möchte. Insgesamt hat er sich alles besser in Deutschland vorgestellt, als es der Realität entspricht. Er hat in der Gastronomie gearbeitet, wurde die ersten Monaten  regulär entlohnt, dann kürzte der Arbeitgeber den Festlohn, die Arbeitszeit blieb aber gleich. Nach erfolgter Mahnung wurde er erstmal gekündigt, dann doch weiterbeschäftigt. Er arbeitete sieben Tage die Woche als Beikoch. Erhalten hat er nur den Hilfsarbeiter-Lohn, die Überstunden wurden nicht bezahlt mit der Begründung, dass sie ohne Anweisung des Arbeitgebers geleistet wurden. Dabei war der Arbeitgeber oft bis zur Schließung im Restaurant und schickte Veselin nicht in den Feierabend. Auf die Bitte Veselins, weniger Stunden zu arbeiten, reagierte der Arbeitgeber mit der Drohung, ihn zu entlassen. Mit Unterstützung der Gewerkschaft NGG hat Veselin G. seinen Arbeitgeber verklagt, das Verfahren läuft noch. Inzwischen hat sein Arbeitgeber Insolvenz angemeldet.

Lars Wurche, Gewerkschaftssekretär bei der NGG Region Süd-Westfalen, hat nicht viele vergleichbare Fälle in der Beratung. Aber auch in der Gastronomiebranche versuchen Arbeitgeber, ihre Beschäftigten unter Druck zu setzen und Angst aufzubauen, um illegale Praktiken durchsetzen zu können. Auch Migrantinnen und Migranten sollten sich gewerkschaftlich organisieren. Nur so können sie durch den DGB Rechtsschutz unterstützt werden.

 

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