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Fall des Monats – LKW-Fahrer: Wegen Krankheit fristlos gekündigt!

Fall des Monats – LKW-Fahrer: Wegen Krankheit fristlos gekündigt!

Die Beratungsstellen "Faire Mobilität" und "Arbeitnehmerfreizügigkeit in NRW fair gestalten!" unterstützen Beschäftigte aus Osteuropa bei der Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten. Bild AuL NRW
Die Beratungsstellen "Faire Mobilität" und "Arbeitnehmerfreizügigkeit in NRW fair gestalten!" unterstützen Beschäftigte aus Osteuropa bei der Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten. Bild: AuL NRW

Seit 2014 werden im Rahmen des Projektes „Arbeitnehmerfreizügigkeit fair gestalten!“ von „Arbeit und Leben NRW“ und des Projekts „Faire Mobilität“ vom DGB in NRW Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus Osteuropa muttersprachlich beraten und bei der Durchsetzung gerechter Löhne und fairer Arbeits- und Lebensbedingungen unterstützt. Dazu sind Beratungsstellen in Dortmund, Düsseldorf und Rheda-Wiedenbrück eingerichtet.

Wir werden ab sofort an dieser Stelle Einzelschicksale aus der Beratungsarbeit der Projekte vorstellen. Die Fälle sind beispielhaft für die Praktiken vieler Unternehmen im Umgang mit Beschäftigten aus Osteuropa. Mit Unterstützung der Beratungsstellen und der zuständigen Einzelgewerkschaft konnte in den meisten Fällen den Beschäftigten geholfen werden, erfolgreich ihre Rechte geltend zu machen.

Fall des Monats – LKW-Fahrer: Wegen Krankheit fristlos gekündigt!

Im Monat Mai 2017 meldet sich ein LKW-Fahrer aus Bulgarien bei der Beratungsstelle „Faire Mobilität“ in Dortmund. Er hatte eine fristlose Kündigung erhalten.

Der Ratsuchende erzählte, dass er sich ca. 2 Wochen vor der Kündigung schwer an der Hand verletzt hatte. Die noch nicht verheilten Narben waren zum Zeitpunkt der Beratung ca. 7 Wochen nach dem Unfall noch deutlich zu sehen. Diese Verletzung passierte beim Entladen des LKW, da die Beleuchtung der Ladefläche defekt war. Der Arbeitnehmer berichtete, er und die anderen Kollegen aus Bulgarien bekämen immer die Fahrzeuge mit dem schlechtesten Zustand zugeteilt. Nach dem Arbeitsunfall wandte sich der Arbeitnehmer an seine Disponentin, zeigte ihr die stark geschwollene Hand und teilte mit, dass er nicht weiterarbeiten kann. Doch die Disponentin erklärte, dass sie nicht genug Personal habe, um seine Arbeitskraft zu ersetzen und dass er weiterarbeiten müsse. Immerhin soll er nun teilweise nur 6 Stunden täglich im Durchschnitt arbeiten, statt wie sonst üblich 11-14 Stunden. Doch der Arbeitnehmer bekommt zusätzlich Rückenschmerzen durch das einseitige Tragen. Als ein anderer Kollege mit türkischen Wurzeln ihn darauf aufmerksam macht, dass er mit dieser stark verletzen Hand nicht fahrtüchtig ist und ihm das Risiko eines schweren Unfalls und der daraus resultierenden allein zu tragenden Haftung vor Augen führt, entschließt sich der LKW-Fahrer zum Arzt zu gehen. Er informiert den Disponenten und schickt dem Arbeitgeber eine Bescheinigung der Arbeitsunfähigkeit. Am selben Tag erhält er eine fristlose Kündigung ohne Begründung.

Zum Zeitpunkt des ersten Beratungstermins sind mehr als 3 Wochen vergangen und eine Kündigungsschutzklage kann nicht mehr eingereicht werden. Aber es fehlt auch ein Teil des Lohns für alle Monate. Selbst der Mindestlohn wurde nicht eingehalten. So hat der Arbeitnehmer zum Beispiel im November 2016 seinem Arbeitgeber einen Stundenzettel mit 299,5 Stunden eingereicht. Der Nachtzuschlag wurde wie auch in den anderen Monaten exakt laut dieser Stundenliste abgegolten und somit die Anzahl der Stunden nicht in Frage gestellt. Mit dem Grundgehalt von 2200 € und den vergüteten 22,75  Überstunden erhielt der Arbeitnehmer aber nur 2422 € statt 2545,75 €. Der Ratsuchende wurde bei der Berechnung der Forderungen beraten. Nach dieser sind für 5 Monate insgesamt ca. 2500 € zu wenig gezahlt worden.

Bei einem Telefonat der Beraterin mit dem Arbeitgeber behauptet dieser, immer offen für berechtigte Forderungen seiner Arbeitnehmer zu sein. Ein Brief mit detaillierter Beschreibung der Forderung wird wie besprochen durch die Beratungsstelle zugesandt. Ein verabredetes zweites Telefonat mit Personalabteilung kommt aber danach nicht mehr zustande. Stattdessen geht ein Brief eines Anwalts ein, in dem sogar bestritten wird, dass der Arbeitnehmer arbeitsunfähig war.

Anschließend wurde der Ratsuchende durch die Beratungsstelle bei der Beantragung von Beratungshilfe zum Amtsgericht im Heimatort begleitet und bei der Suche nach einem Anwalt unterstützt.

 

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