Schnellzugriff

Flexible Arbeitszeiten: Möglichkeiten, Defizite, Reformbedarf

Flexible Arbeitszeiten: Möglichkeiten, Defizite, Reformbedarf

Arbeitszeitexperten lehnen eine Aufweichung der täglichen Arbeitszeitgrenze ab. Bild: Michel Koczy
Arbeitszeitexperten lehnen eine Aufweichung der täglichen Arbeitszeitgrenze ab. Bild: Michel Koczy

Die Arbeitszeiten in Deutschland sind hoch flexibel. Das zeigt sich nicht nur in einschlägigen Statistiken zu Abend-, Nacht-, Schicht und Wochenendarbeit, sondern auch beim Blick ins Arbeitszeitgesetz, das etwa die Ausweitung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden erlaubt. Darauf weist die Hans-Böckler-Stiftung in einer aktuellen Stellungnahme hin. Zahlreiche Tarifverträge sehen Arbeitszeit-Korridore vor und insbesondere mitbestimmte Großunternehmen verfügen ganz überwiegend über Arbeitszeitkonten. Hinzu kommt, dass nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2016 insgesamt 820 Millionen bezahlte und noch einmal 941 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet wurden. Gleichzeitig ist für viele Beschäftigte die psychische Belastung durch ihre Arbeit gestiegen, daraus resultierende Krankheitsbilder verursachen zunehmend mehr Fehltage.

„Das zeigt: Wir brauchen nicht noch mehr Entgrenzung von Arbeitszeiten, sondern Reformen, die auch den Beschäftigten einen größeren Anteil an der `Flexibilitätsrendite´ bringen“, sagt Dr. Yvonne Lott, Arbeitszeitexpertin der Hans-Böckler-Stiftung. Anforderungen der Arbeit und private Verpflichtungen und Bedürfnisse verlässlich unter einen Hut bringen zu können, sei unerlässlich für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. „Arbeitgeber wollen gute Mitarbeiter gewinnen und im Unternehmen halten. Das gelingt nur, wenn sie auch auf deren Bedürfnisse eingehen – und zum Beispiel Möglichkeiten für zeitweilige Anpassungen der Arbeitszeit bieten und für ausreichend Personal sorgen, damit Vertretungen wirklich klappen. Es liegt also auch im Interesse der Unternehmen, die Arbeit so zu organisieren, dass Mitarbeiter nicht überfordert werden“, so Lott. Dabei weist die Forscherin auf ein bislang ungelöstes Problem hin: Flexible Arbeitszeiten und Teilzeitarbeit helfen dabei, Berufstätigkeit und Familie besser zu vereinbaren. Doch sie können zum Problem für die Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt werden, wenn sie nur von bestimmten Beschäftigtengruppen genutzt werden und gleichzeitig negative Konsequenzen für das berufliche Fortkommen haben. Erst wenn flexible Arbeitszeiten unabhängig von Geschlecht, Qualifikation oder Hierarchiestufe zur Normalität würden, ließen sich Nebenwirkungen wie die Verstärkung sozialer Ungleichheiten abstellen. Deshalb sei es ein kluger Ansatz, Möglichkeiten zur Arbeitszeitanpassung tariflich zu regeln.

Anstelle einer Aufweichung der täglichen Arbeitszeitgrenze sind nach Auffassung der Arbeitszeitexpertin Lott Wahlarbeitszeiten, das Rückkehrrecht auf Vollzeit und gute Regelungen von mobiler Arbeit und Homeoffice die richtigen Instrumente. Flexible Arbeitszeiten müssen zudem durch eine unterstützende Personalpolitik und Arbeitsorganisation begleitet werden. Denn Personalknappheit und fehlende Vertretungsmöglichkeiten konterkarieren die zeitliche Flexibilität im Interesse der Beschäftigten. Darum gilt: Flexible Arbeitszeiten müssen zum Leben passen und brauchen eine angemessene Personalbemessung und verbindliche Vertretungsregelungen.

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

 

 

Zurück