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Was wird aus den 274 Märkten der SB-Warenhauskette „real,-“?

Was wird aus den 274 Märkten der SB-Warenhauskette „real,-“?

Die Betriebsrätinnen Regina Claßen(l) und Trudi Lanzrath (r) sorgen sich um die Zukunft der SB Warenhauskette "real,-" Bild: privat
Die Betriebsrätinnen Regina Claßen (l) und Trudi Lanzrath (r) sorgen sich um die Zukunft der SB Warenhauskette "real,-". Bild: privat

Im September letzten Jahres hat Metro-Chef Olaf Koch erklärt, die 274 „real,-„ SB-Warenhäuser bis Juni 2019 zu verkaufen. Das Unternehmen hatte zuvor den „Zukunftstarifvertrag“ mit ver.di gekündigt und die Warenhauskette in die Metro Sevices GmbH überführt. Dort gelten die Tarife der Pseudo-Gewerkschaft DHV, die jetzt bei Neueinstellungen angewandt werden. Für die Beschäftigten bedeutet dies längere Arbeitszeiten und eine deutlich schlechtere Bezahlung.

Seitdem bangen die 32.000 Mitarbeiter/innen bei „real,-„um ihre Arbeitsplätze. Wir sprachen mit den Betriebsrätinnen Trudi Lanzrath („real,-„ Übach-Palenberg) und Regina Claßen („real,-„ Erftstadt) über die aktuelle Situation im Unternehmen.

Frau Lanzrath, Frau Claßen, wie ist die aktuelle Situation im Unternehmen nach dem Betriebsübergang und den Verkaufsankündigungen?

Regina Claßen:

Was die Metro in den letzten Jahren mit uns gemacht hat, ist ein Riesenskandal. Beim „Zukunftstarifvertrag“ haben wir auf viel Geld verzichtet, weil wir gehofft haben, dass unsere Arbeitsplätze zukunftssicher werden. Dann kam der Betriebsübergang mit der Tarifflucht und jetzt der geplante Verkauf. Unsere Zukunft hat die Metro-Manager nie interessiert. Wir glauben ihnen kein Wort mehr, denn jetzt müssen wir erst recht um unsere Arbeitsplätze fürchten. Wir leben nach wie vor mit einer großen Ungewissheit, das ist das Schlimmste an der ganzen Situation. Unklar ist, ob die DHV überhaupt tariffähig ist, das muss noch vom Oberlandesgericht geklärt werden. Was den Verkauf angeht, sind wir genauso schlau wie vor einem halben Jahr. Wir wissen immer noch nicht, an wen wir verkauft werden, wann wir verkauft werden, ob wir überhaupt verkauft werden, wir wissen gar nichts. Wir haben nur die Informationen aus der Presse, vom Unternehmen erfahren wir nichts.

Wie ist denn die Stimmung bei Ihren Kolleginnen und Kollegen?

Trudi Lanzrath:

Die Stimmung ist, das muss man ganz klar sagen, völlig am Boden. Die psychische Belastung wird immer größer und wir werden immer weniger. Wir sind von 2015 bis heute um über 4.000 Beschäftigte geschrumpft von 36.000 auf 32.000 Beschäftigte und das obwohl, wie behauptet wird, 5.000 Personen nach dem DHV Tarif neu eingestellt worden sind. 4.500 befristete Verträge, für die noch der ver.di Tarifvertrag galt, sind nicht verlängert worden. So wird die Belastung für uns immer größer, Antworten kriegen wir aber nicht. Alle Versprechungen in Bezug auf Modernisierung und Investitionen haben sich als Schall und Rauch erwiesen. Tatsächlich wird die Arbeitsverdichtung immer schlimmer. Darunter leiden die Kolleginnen und Kollegen neben der Zukunftsangst am meisten.

Sie sprachen die Beschäftigten an, die nach dem DHV Tarif eingestellt wurden. Was bedeutet die Tarifumstellung für diese Beschäftigten?

Regina Claßen:

Für sie bedeutet das z.B. hier in NRW, dass sie länger arbeiten müssen (40 Stunden) und 25 Prozent weniger Lohn haben. Sie bekommen weniger Weihnachtsgeld und keine Zuschläge z.B. für Nachtarbeit. Zudem sollen sie Arbeiten übernehmen, für die sie nach dem Flächentarif höher eingestuft wären. Für die ver.di Beschäftigten gilt der Flächentarifvertrag Stand 2018. Wenn z.B. in diesem Jahr eine Tariferhöhung von 3 Prozent beschlossen wird, haben wir nichts davon.

Was sind Ihre zentralen Forderungen?

Trudi Lanzrath:

Wenn wir verkauft werden dann als Ganzes und nicht scheibchenweise. Der Flächentarifvertrag muss fürs uns weiter Geltung haben. Alleine können wir das nicht durchsetzen. Wir erfahren zwar viel Solidarität z.B. bei dem Streik Ende November. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil unterstützt unsere Forderungen. Aber das alleine reicht nicht. Wir brauchen die Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrages. Der Wettbewerb im Handel darf nicht so wie jetzt auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Der Einzelhandel ist eine der Branchen mit den meisten Beschäftigten. Die Tarifbindung geht aber immer weiter zurück, sie liegt schon unter 30 Prozent. Wir fühlen uns in dieser Situation von der Politik im Stich gelassen. Deswegen fordern wir, dass die Politik sich aktiv einmischt und Tarifflucht so wie bei „real,-„verbietet. Ohne die Unterstützung der Politik haben wir wenig Chancen. Im Moment spielt der Arbeitgeber mit der gesamten Situation, er spielt die Beschäftigten gegeneinander aus und setzt uns Betriebsräte unter Druck. Bei den Märkten, die geschlossen werden, drückt das Unternehmen billige Sozialpläne durch. Das darf so nicht weitergehen. Noch mal: Wir brauchen die Allgemeinverbindlichkeit!

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Regina Claßen:

Am meisten wünsche ich mir endlich Klarheit darüber, wie es weitergeht. Das geht, glaube ich, den meisten Kolleginnen und Kollegen so. Jeder kämpft im Moment um seinen Arbeitsplatz und spekuliert, was im Falle eines Verkaufs passiert. Wir hören auch nicht auf zu kämpfen, aber, wie gesagt, ohne die Unterstützung der Politik sind wir machtlos. Wenn sich ein Investor hinstellt und erklärt: Ich habe die Märkte gekauft! Dann glaube ich es vorher nicht. Dem Unternehmen glaube ich nichts mehr. Alles, was sie uns gesagt haben, hat sich im Nachhinein als Lüge herausgestellt. Deshalb wünsche ich mir Klarheit und möchte gerne in meinem Markt in Erftstadt zu den Bedingungen des Flächentarifvertrages weiterarbeiten.

Trudi Lanzrath:

Natürlich kämpfen wir weiter, aber wir wissen auch bald nicht mehr, was wir machen sollen. Wir hatten mit ver.di eine erfolgreiche Aktion bei der Metro-Aktionärsversammlung. Dort haben wir auch mit vielen Aktionären gesprochen, die Verständnis für uns zeigten. Aber das reicht nicht aus. Ohne die Politik geht der Einzelhandel zu Grunde und wird kaputtgespart. Der Weg zur Allgemeinverbindlichkeit muss so gestaltet werden, dass die Arbeitgeber sie nicht mehr mit einem Veto verhindern können. Nur dann hat der Handel mit seinen vielen Arbeitsplätzen noch eine Chance in Deutschland.

 

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