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Zukunftstarifvertrag für die SB-Warenhauskette „Real,-“

Zukunftstarifvertrag für die SB-Warenhauskette „Real,-“

Regina Claßen und Trudi Lanzrath
Regina Claßen und Trudi Lanzrath

Frau Claßen, Sie haben als Mitglied der Tarifkommission den Zukunftstarifvertrag mitverhandelt. Wie bewerten Sie das Ergebnis und wie haben die Beschäftigten über den Tarifvertrag votiert?

Regina Claßen:

Wir haben nicht nur die Beschäftigten, die bei ver.di organisiert sind, sondern alle 38.000 Mitarbeiter zu dem Verhandlungsergebnis befragt. 70 % der ver.di Mitglieder und 63,5 % aller Beschäftigten haben dem geeinten Vertragsentwurf zugestimmt. Nachdem die Verhandlungen sich fast ein Jahr hingezogen hatten, sah es zum Ende hin eher nach einem Scheitern der Verhandlungen durch die Arbeitgeberseite aus. Eine Einigung über Eckpunkte eines Tarifvertrages kam erst in einer Nachtsitzung zustande und ist ein Kompromiss, der beiden Seiten jetzt erst einmal Zeit gibt. Der Arbeitgeber ist nun gefordert, ein tragfähiges Zukunftskonzept für real,- umzusetzen.

Frau Lanzrath, was bedeutet dieser Tarifvertrag konkret für die Beschäftigten?

Zunächst einmal haben wir eine Bestandsgarantie für die Märkte und einen Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Während der Laufzeit des Vertrages (bis Ende 2019) kann die Zahl der Märkte aber auf 265 reduziert werden. Die Beschäftigten verzichten im Gegenzug auf die Tariferhöhungen für die Jahre 2015 bis 2017, das sind bereits heute für eine Vollzeitkraft über 100 € monatlich. Zusätzlich wird das Urlaubs- und Weihnachtsgeld in den nächsten Jahren deutlich reduziert. Das Unternehmen ist zudem verpflichtet, in den nächsten 5 Jahren Investitionen i.H.v. 1 Mrd. Euro vorzunehmen. Um eine wirksame Mitgestaltung und Kontrolle sicherzustellen, wurde u.a. eine Arbeitsgruppe mit Beschäftigten eingerichtet und der Wirtschaftsausschuss muss regelmäßig über die Vorhaben informiert werden.

Worin sehen Sie die Hauptprobleme, die angegangen werden müssten?

Regina Claßen:

Es fehlt an einem vernünftigen Rollout des Zukunftskonzeptes für die Märkte. Die Unterneh­mensleitung spricht von „Servicekultur“, man hat die Vision von „Gourmettempeln“ mit Verkostungsstationen so wie in Amerika. Dazu braucht es aber qualifizierte und motivierte Beschäftigte. Durch das Verhalten der Unternehmensführung und nicht getätigte, aber dringend notwendige Investitionen in den letzten Jahren, sieht die Wirklichkeit im Moment ganz anders aus. Der Druck auf die Beschäftigten ist enorm und durch fehlende Stellennach­besetzungen ist die Arbeit kaum mehr zu bewältigen. Deshalb ist die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen auch nicht gut. Wer seine Mitarbeiter wie moderne Sklaven behandelt, braucht nicht von moderner Servicekultur zu reden. Es muss sich grundlegend etwas ändern, damit real,- auf Dauer überleben kann.

Frau Lanzrath, Sie haben die Ministerpräsidentin Hannelore Kraft angeschrieben und Unterstützung durch die Politik eingefordert. Worum geht es Ihnen dabei genau?

Trudi Lanzrath:

Meiner Meinung nach ist die Politik hier in höchstem Maße gefordert. Es gab für uns einen gültigen Flächentarifvertrag für den Einzelhandel. Unser Arbeitgeber konnte allerdings von einem Tag auf den anderen durch den Wechsel in eine Mitgliedschaft „ohne Tarifbindung“ im Arbeitgeberverband die Gültigkeit zukünftiger tariflicher Regelungen umgehen. Der Wett­bewerb wird somit auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen und wir werden erpresst, zu schlechteren Konditionen weiter zu arbeiten. Die Politik sollte verhindern, dass die Unter­nehmen weiter versuchen, Lohndumping auf Kosten der Beschäftigten zu betreiben. Hierzu müssen Tarifverträge geschützt werden und allgemeinverbindlich sein, damit für alle Unternehmen im Markt die gleichen Regeln gelten. Im Einzelhandel arbeiten überwiegend Frauen in Teilzeit. Ihnen droht doch jetzt schon Altersarmut.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Regina Claßen:

Ich wünsche mir, dass die hohen Herren sich endlich Ihrer Verantwortung bewusst werden. Die im Tarifvertrag vereinbarten Verhandlungen über eine neue Entgeltstruktur werden in den nächsten beiden Jahren extrem schwierig werden. Das Ergebnis wird eine Signalwirkung für die ganze Branche haben. Die Erklärung der Allgemeinverbindlichkeit des Flächentarifver­trages ist für uns real,- Beschäftigte, aber eben auch für alle anderen Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel von größter Bedeutung. Die Hürden hierzu müssen aber durch die Politik gesenkt werden.

Trudi Lanzrath:

Die Situation für die Beschäftigten in den Märkten muss sich insgesamt verbessern, die Kolleginnen und Kollegen müssen wieder das Gefühl haben, dass sie ernst genommen und wertgeschätzt werden. Das ist ein Problem der ganzen Branche. Hier wünsche ich mir einen Sinneswandel, damit es für junge Menschen wieder attraktiv wird, im Einzelhandel zu arbeiten.

 

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