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Zukunftstarifvertrag für die SB-Warenhauskette „Real,-“

Zukunftstarifvertrag für die SB-Warenhauskette „Real,-“

Reina Claßen (links) und Trudi Lanzrath (rechts) sehen großen Handlungsbedarf in den  "real,-" Märkten. Bild: privat
Regina Claßen (links) und Trudi Lanzrath (rechts) sehen großen Handlungsbedarf in den "real,-" Märkten. Bild: privat

Im vergangenen Jahr schlossen „ver.di“ und „real,-„ einen Zukunftstarifvertrag. Er gibt mindestens 265 von 293 Märkten eine Bestandsgarantie und ermöglicht die Rückkehr in den Flächentarifvertrag. Er bringt aber auch erhebliche finanzielle Einschnitte für die Beschäftigten mit sich. Wir sprachen mit den Tarifkommissionsmitgliedern Trudi Lanzrath (real,- Übach-Palenberg) und Regina Claßen (real,- Erftstadt) darüber, was im zurückliegenden Jahr in den Märkten passiert ist.

Frau Claßen, Frau Lanzrath, was ist im zurückliegenden Jahr in Ihren Märkten passiert? Sind die versprochenen Investitionen erfolgt?

Regina Claßen:

Ja, es ist investiert worden, aber was „real,-„ Investitionen nennt, sind zum Großteil Instandhaltungsinvestitionen, also die Reparatur von Dächern, damit es nicht mehr reinregnet, der Kauf von Einkaufswagen oder die Instandsetzung von Rolltreppen. Nur ein geringer Teil des Geldes geht in wirklich Neues. In vielen Häusern gibt es jetzt eine heiße Theke, sprich Würstchen mit Brötchen, aber ansonsten ist in den Häusern nichts passiert.

Trudi Lanzrath:

Die Ausnahme ist der Markt in Krefeld. Da ist wirklich ein Gourmettempel entstanden mit einer riesigen Fischabteilung, wo man wie im  KADEWE in Berlin einkaufen kann. Krefeld sollte das Musterhaus sein und einzelne Elemente daraus will man auch in anderen Märkten unterbringen: in dem einen eine heiße Theke, in dem anderen einen Pizzabäcker. Doch das Konzept funktioniert meines Erachtens nicht. Das Haus zum Beispiel, in dem ich arbeite, liegt an der holländischen Grenze, in Übach-Palenberg. Das ist, glaube ich, die ärmste Stadt in Westdeutschland. Was wollen die Leute dort mit einer eventuellen teuren Fischtheke? Mittlerweile sagt der Arbeitgeber selbst, die Personalkosten seien zu hoch, so dass es finanziell gar nicht tragbar ist. Im nächsten Geschäftsjahr sollen zwei weitere Häuser so ähnlich gestaltet werden, obwohl  der Arbeitgeber noch keinen genauen Zeitplan hat. Noch ist in den Märkten nichts passiert. Warum, das wissen die Arbeitgeber ganz genau: Das Konzept trägt sich nicht, es ist nicht bezahlbar. Es ist eigentlich kein Konzept.

Was sind die Hauptprobleme, die angegangen werden müssten?

Trudi Lanzrath:

Viele der Märkte mit ihren Regalen sind so veraltet, da geht keiner gerne mehr gerne rein, das  sieht einfach nicht schön aus. Sie sind einfach nicht sauber zu kriegen, da können sich die Kolleginnen und Kollegen noch so anstrengen. Außerdem bräuchten wir moderne und schnelle Kassen, die jetzigen Kassen sind überhaupt nicht mehr zeitgemäß.

Vor allem müsste es mehr Personal an den Bedientheken geben. Es kann doch nicht sein, dass eine Verkäuferin abends an drei Theken bedienen muss. Ein Kunde, der nach der Arbeit einkaufen geht, will nicht eine halbe Stunde vor der Theke stehen und warten. In den riesigen, oft mehrere tausend Quadratmeter großen Flächen sind viel zu wenige Beschäftigte. Kunden sagen oft: „Gott sei Dank, endlich find ich mal einen hier.“ Ich arbeite in der Lebensmittelabteilung. Wenn ich abends mal umfallen würde, das merkt kein Mensch.

Überall mangelt es an Personal. Versprochen worden war, Mitarbeiter einzustellen, aber das Gegenteil ist der Fall. Zwar gibt es, wie vereinbart, keine Entlassungen, aber die Personen, die in Rente gehen, werden nicht ersetzt, und wenn doch, dann durch Leiharbeit oder über eine Werkvertragsfirma. Die fliegen je nach Warenaufkommen manchmal abends mit acht bis zwölf Leuten ein und verräumen Ware. Über die Qualität wollen wir gar nicht reden. Für mich ist das moderner Sklavenhandel. Die Leute, die da arbeiten, tun mir sehr leid. Denn sie kriegen noch weniger als wir und stehen immer auf Abruf bereit. Manche Teilzeitbeschäftigte bei uns würde gerne mehr arbeiten, aber da sagt der Arbeitgeber, dafür ist kein Geld da, aber für Leiharbeit oder für eine Werkvertragsfirma schon.

Wie ist die Stimmung unter den Beschäftigten?

Regina Claßen:

Schlecht, denn sie wissen oft nicht, wie sie das Arbeitspensum erledigen sollen. Wir werden zugeschüttet mit Ware, kriegen aber keine helfenden Hände dazu. Außerdem ist Armut unter den Kolleginnen und Kollegen ein Riesenthema, besonders bei denen, die in Teilzeit arbeiten. Das alles wird noch schlimmer durch den Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld.

Alle großen Handelsunternehmen wie EDEKA und REWE, zumindest in den Regiemärkten, Aldi, Lidl und Kaufland zahlen nach Tarif, nur METRO gegenwärtig nicht. Aldi zahlt sogar über Tarif und die Beschäftigten dort kriegen auch ein 13. Monatsgehalt. Der Chef von Lidl hat sich komplett hinter uns gestellt. Er hat Verständnis für uns und hat  sich für die Allgemeinverbindlichkeit des Flächentarifvertrages ausgesprochen. Es ist also nicht so, als sei es nicht möglich. Insgesamt ist die Stimmung unter den Beschäftigten am Boden. Viele haben resigniert, sind körperlich und geistig am Ende. Was an Aufbruchsstimmung und Optimismus vorhanden war, hat sich komplett aufgelöst. Fast alle sagen: Nächstes Jahr sind wir kaputt. Entweder werden wir verkauft oder geschlossen.

Wie ist der Stand der Tarifvertragsverhandlungen?

Regina Claßen:

Die Verhandlungen ziehen sich hin. Auch die vierte Verhandlungsrunde hat noch keine Annäherung gebracht. Im Zukunftstarifvertrag gibt es eine von beiden Seiten unterschriebene Präambel. In ihr ist festgehalten, dass in den Verhandlungen ein Tarifvertrag auf die Füße gestellt werden soll, der für allgemeinverbindlich erklärt werden kann. Doch die Arbeitgeber wollen eine speziell nur auf „real,-„ zugeschnitten Entgeltstruktur. Das hat mit Allgemeinverbindlichkeit und mit der Fläche überhaupt nichts mehr zu tun. Die wollen einen eigenen Tarifvertrag haben. Darauf können wir uns nicht einlassen, weil wir damit den Flächentarifvertrag unterwandern würden. Die Verhandlungen werden sehr schwierig werden. Im Moment ist die Differenz so groß, da ist nicht mal ein Hauch von Übereinstimmung.

Was erwarten Sie von der Politik?

Trudi Lanzrath:

Bestimmt keine Förderung von Leiharbeit und Werkvertragsarbeit. Die Idee war vielleicht gut gemeint, damit Arbeitslose einen Fuß in die Tür bekommen, aber der Arbeitgeber lutscht die Leute aus. Die Ärmsten kriegen nie ein Jobangebot bei uns. Sie sind nur Notstopfen bei Hochsaison, an Feiertagen oder abends zur Spätschicht.

Als „real,-„ Mitarbeiterin fühle ich mich von der Politik total im Stich gelassen. Die Hürden für die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen sind von ihr so hoch gelegt worden, dass da keiner rüber kommt. Die müssen wir senken. Es darf keinen Wettbewerb auf Kosten der Beschäftigten geben.

Bei den Personalkosten müssen gleiche Bedingungen herrschen. Unsere einzige Chance ist, auf die Straße zu gehen. Doch dann spielt der Arbeitgeber mit der Angst der Leute. Dann holt er sie am nächsten Tag ins Büro und macht sie klein und sagt ihnen: Gehst Du auf die Straße, dann hast du keinen Job mehr. Das wirkt offensichtlich, denn wenn zum Streik aufgerufen wird, kommen die Leute nicht mehr raus. Da muss die Politik uns helfen, das können wir als Tarifkommission allein nicht schaffen.

 

 

 

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