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Interview Monsignore Peter Kossen

Bild Peter Kossen

„Der Missbrauch von Werkverträgen frisst sich wie ein Krebsgeschwür quer durch unsere Volkswirtschaft.“

„Ausbeutung“ und „moderne Sklaverei“ – klare Worte zum Kampf gegen Dumping-Löhne und menschenunwürdige Lebensbedingungen von Arbeitsmigranten kommen aus dem Oldenburger Land, einer Hochburg der Fleischindustrie. Monsignore Peter Kossen (45), der nach dem Weihbischof zweithöchste Vertreter des „Bischöflichen Offizialats“ in Vechta, bezieht eindeutig Stellung, wenn es um die Lage der oft aus Osteuropa stammenden Arbeiter in der Branche geht. „Ein Gottesdienst ist keine politische Demonstration, aber ich halte es für legitim und auch für erforderlich, dass Kirche mit ihren sozialpolitischen Positionen erkennbar ist – und dann eben manchmal auch aneckt.“, so Kossen. Die G.I.B. sprach mit Monsignore Kossen in Vechta.

G.I.B.: Welche konkreten Schritte und Kontakte haben zu Ihrem Engagement geführt?

Monsignore Peter Kossen: Wir hatten im Februar 2012 Sonntagsabends eine Demo vor den Werkstoren einer Großschlachterei von Danish Crown in Essen, Kreis Cloppenburg gegen Sonntagsarbeit. Einer der Demonstranten, ein Fleischbeschauer, der beim Landkreis Cloppenburg beschäftigt ist, sagte mir damals: Wissen Sie, die Sonntagsarbeit ist hier das kleinere Problem. Sie müssten mal sehen, wie die Leute in diesem Betrieb arbeiten, wie sie untergebracht sind, wie sie hier schikaniert werden. Das habe ich erst mal so zur Kenntnis genommen.

Ein paar Wochen später erzählten mir Schwangerschaftskonfliktberaterinnen vom Sozialdienst katholischer Frauen, dass rumänische und bulgarische Arbeitsmigrantinnen, in ihre Beratungen kommen, weil sie bei einer ungewollten Schwangerschaft mit einem mal feststellen, dass sie aus allen sozialen Netzen herausfallen, nicht krankenversichert sind und ihnen oft sogar das Geld fehlt, um in ihre Heimat zu fahren und zu entbinden. Die Beraterinnen berichteten mir auch von Fällen, wo drei Arbeiterinnen sich ein Bett teilen, Zustände also wie zur Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Dazu kamen dann Veröffentlichungen in der Presse, zum Beispiel in der Oldenburgischen Volkszeitung, wo über das Werksvertragsunwesen berichtet wurde.

Das habe ich dann in meinen Predigten thematisiert und damit wohl einige Gemeindemitglieder wachgerüttelt. Wenn man als Person erst einmal für ein Thema steht, ist das beinahe ein Selbstläufer: Es ergeben sich zahlreiche Kontakte, Gespräche, auch Widerspruch, und es entsteht ein Bild wie ein Mosaik. Menschen, die mir mit großer Vorsicht Insider-Informationen zukommen ließen, hatten Sorge um ihre Sicherheit. Spätestens ab da war ich dann im Thema und auch die Medien wurden aufmerksam.

G.I.B.: Wie sind denn die Beschäftigten dieser Unternehmen auf dem Land untergebracht? Menschenunwürdige Massenunterkünfte von Arbeitsmigranten vermutet man eher in Großstädten.

Monsignore Peter Kossen: Sehr unterschiedlich. Das war mit einer der Skandale, der die Bevölkerung hier am meisten erregt hat. Es war lange so, dass auch in den Dörfern alte Gaststätten, Läden, Molkereien, Fabriken oft sehr notdürftig zu Unterkünften verwandelt wurden. Das Extremste, was der Landkreis Vechta festgestellt hat, waren 70 Namen an einem Haus, 15 Personen in einem Raum, der Schlafraum nicht mal so hoch, dass man aufrecht drin stehen konnte. Also Massenunterkünfte, hygienisch katastrophale Verhältnisse. Teilweise mussten 15, 20 Leute die gleiche Toilette nutzen. Und oft sind die Unterkünfte auch nach außen echte Bruchbuden, mit Schimmelbefall und so weiter.

Die Kreise haben jetzt Vorschriften erlassen, was geht und was nicht, die zum Teil strenger sind als die Vorgaben des Landes Niedersachsen.

G.I.B.: Machen Sie sich mit solchen Feststellungen nicht auch Feinde über die großen Fleischkonzerne hinaus?

Monsignore Peter Kossen: Ja, das ist so. Und wenn ich höre, um welche irren Summen es da geht, dann kann ich mir auch vorstellen warum. Dass sich bestimmte Leute da angesprochen fühlen, ist klar. Bis in den Mittelstand hinein wird versucht, Druck zu machen. Diese Leute sagen: Was bildet der sich ein? Warum mischt sich die Kirche überhaupt da ein? Bleiben Sie bei Ihrer Kernkompetenz.

Wenn Sie überlegen, dass von zwölf Euro nur 3,50 Euro bei den Beschäftigten ankommen und dazu noch berücksichtigen, dass die Leute in der Regel mehr als acht Stunden am Tag arbeiten, ohne Urlaub, und das mal für 1.000 Leiharbeiter hochrechnen, dann kommen schon Millionenbeträge zusammen.

G.I.B.: Sind Sie persönlich schon mal bedroht worden?

Monsignore Peter Kossen: Vor anderthalb Jahren hat jemand morgens ein abgezogenes Kaninchen vor meine Tür gelegt. Das war schon recht deutlich, sagten mir die Polizei und Andere, die sich damit auskennen, ein Drohszenario nach Mafia-Methode.

G.I.B.: Wie würden Sie die aktuelle Situation in der Fleischindustrie in der Region beschreiben? Was hat sich geändert?

Monsignore Peter Kossen: Markant war die Einigung auf 7,75 Euro Mindestlohn ab dem 1. Juli und die stufenweise Erhöhung auf 8,75 Euro bis 2016 laut dem Tarifvertrag zwischen der NGG und den Arbeitgebern der Fleischindustrie, darunter die fünf „Großen“ Tönnies, Danish Crown, Wiesenhof, Vion und Westfleisch. Das reicht zwar nicht aus, um prekäre Arbeitsverhältnisse zu verhindern, ist aber ein Anfang.

Die Konzerne haben damit auf den Druck der Öffentlichkeit, der Politik und vielleicht auch der Konsumenten reagiert. Es wäre aber blauäugig zu denken, die hätten sich jetzt alle eines Besseren besonnen und ab 1. Juli sei die Welt wieder in Ordnung. Der Zoll und die Gewerbeaufsicht muss nun in die Lage versetzt werden, die Umsetzung des Mindestlohns effektiv zu kontrollieren.

Geändert hat sich in der Region die Aufmerksamkeit für das Thema. Viele Menschen sagen: das wollen wir hier so nicht. Daraus resultierte ein höherer politischer Druck, besonders in einem Wahljahr wie 2013.

Die vollständige Version des Interviews finden Sie Ende März im G.I.B. Info 1/14 hier.